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Die weibliche Genitalverstümmelung

Eine immer noch weit verbreitete Praxis.

Es gibt weltweit ca. 200 Millionen Frauen und Mädchen zwischen 8 und 14 Jahren, die der weiblichen Genitalverstümmelung (FGM) bzw. der vollständigen oder teilweisen Entfernung der äußeren weiblichen Genitalien zum Opfer fallen. Ein Akt der unsagbaren Gewalt der erschreckende körperliche und psychische Auswirkungen auf die Frau hat und neben der Ungleichbehandlung von Mann und Frau und der sozialen Diskriminierung auch eine Verletzung der Menschenrechte darstellt.

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Heute ist die weibliche Genitalverstümmelung vor allem auf dem afrikanischen Kontinent noch verbreitet, wo sich diese Praxis noch durchsetzt: 3 Millionen Frauen und Mädchen sind jedes Jahr gefährdet. Trotzdem, kann diese Zahl laut UNICEF noch ansteigen und bis zu 6,6 Millionen pro Jahr bis zum Jahr 2050 erreichen, wenn nichts unternommen wird, um dieser Praxis entgegenzuwirken. Mali, Gambia, Mauretanien, Gibuti und Somalia sind einige dieser Länder in denen dieses Problem in seiner schlimmsten Form auftritt. In Somaliland zum Beispiel, sind 98 Frauen von 100 infibuliert, das bedeutet fast die gesamte weibliche Bevölkerung: in diesem Fall ist der Grund im Glauben zu finden – zurückzuführen auf den niedrigen Bildungsgrad (85% der Frauen sind Analphabeten), der diese Frauen glauben lässt, dass dies ein islamisches Gebot sei, während in Wahrheit es im Koran keinerlei Hinweise auf diese Praxis gibt. Aber die Religion ist nur einer der zahlreichen Gründe für diese Praxis. Es gibt sexuelle Gründe, die sich darauf konzentrieren, die weibliche Sexualität dominieren oder reduzieren zu wollen; hygienische uns ästhetische Gründe laut denen die weiblichen Genitalien als Träger von Infektionen gelten und obszön sind und schlussendlich aus medizinischen Gründen da man glaubt, dass die Verstümmelung die Fertilität der Frau fördern und die Überlebenswahrscheinlichkeit des Kindes fördern könne. Auch wenn einige Fortschritte erzielt wurden und es mittlerweile in vielen afrikanischen Ländern illegal ist, bleibt die Genitalverstümmelung schlussendlich eine Tradition, mit sozialer und kultureller Begründung, verbunden mit der lokalen Kultur, die in der Verstümmelung eine Art Übergangsritual zum Frau werden bzw. eine wesentliche Anforderung für die bevorstehende Heirat, ein Mittel der sozialen Integration der jungen Frauen und somit eine Methode für den Zusammenhalt in der Gemeinschaft sieht.

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Diese Praxis, die scheinbar leicht auszurotten scheint, ist in Wahrheit von einer hohen Komplexität gekennzeichnet: jene Frauen, die nicht infibuliert sind, können große Schwierigkeiten hinsichtlich der Integration und der Akzeptanz innerhalb der Gemeinschaft vorfinden. Die notwendige Veränderung ist daher tiefgreifend und nicht leicht umzusetzen.

Ins Leben gerufen dank des “Innovation in Development Reporting Grant Program” des European Journalism Centre und der Bill & Melinda Gates Stiftung, in Zusammenarbeit mit Action Aid und Zona und gemeinsam mit der Sozialabteilung des Corriere della Sera, verfolgt das multimediale Projekt #Uncut die Praxis der Genitalverstümmelung in Afrika. Es handelt sich um eine Projekt gegen die Infibulation, die von den Frauen berichtet wird und beinhaltet eine Untersuchung von data journalism mit Graphiken und interaktiven Karten zur Genitalverstümmelung in den 28 afrikanischen Ländern, die an dem Projekt teilnehmen. Über diesen Link können Sie auf die interaktive Karte mit Daten und Informationen zu den einzelnen Staaten zugreifen: Link in italienischer Sprache.

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Nicht bei uns zulande?

Die weibliche Genitalverstümmelung ist ein Phänomen, das heute leider auch die USA, Kanada, Australien und selbst Europa betrifft: auch wenn die Daten zur Verbreitung derselben in europäischen Ländern nicht bekannt sind, schätzt das Europäische Parlament, dass es ca. 500.000 Frauen und Mädchen sind, die Opfer der Genitalverstümmelung werden. Die einzigen sicheren Daten in Europa betreffen den Anstieg der Anzahl von Asylwerberinnen aus Ländern in denen die Genitalverstümmelung praktiziert wird: wenn es 2008 noch 18.110 waren, sind es 2013 bereits über 25.000. Laut Unhcr (dem Flüchtlingshochkommissariat) ist dies der Grund für eine steigende Anzahl von Flüchtlingen aus Eritrea, Guinea, Ägypten und Mali, wo die sexuelle Verstümmelung mehr als 89% der Frauen betrifft. Im Rahmen wiederum des Projekts #Uncut, hat Action Aid eine Untersuchung über data journalism in Bezug auf die Genitalverstümmelungen vorangetrieben, dieses Mal für Europa: auf der Karte, die Sie über den folgenden Link erreichen, können Sie sehen, wie viele Frauen zwischen 2008 und 2011 Asyl erhalten haben, von 2.225 in Großbritannien bis hin zu 75 in Italien. Die Gründe für ihre Flucht sind vielfältig, über 2000 von ihnen sind jedoch im Jahr 2011 aus Angst vor einer drohenden Genitalverstümmelung geflüchtet. Link in italienischer Sprache.

In der Schweiz wurde 2012 von Unicef Schweiz eine Untersuchung im Kreis des medizinischen Personals bzw. des Betreuungspersonals, durchgeführt, welche gezeigt hat, dass ca. 10.700 Frauen und Mädchen die im Land leben bereits Opfer einer Genitalverstümmelung waren. 2001 hatte Unicef eine niedrigere Zahl geschätzt, nämlich 6.700. Diese Frauen stammen vor allem aus Somalia, Eritrea, Äthiopien, Sudan und Ägypten: im Jahr 2012 hat die Schweiz aus zwei Ländern, in denen die Genitalverstümmelung (FGM) praktiziert wird, zahlreiche Asylanträge erhalten, 3.550 aus Eritrea und 3.467 aus Nigeria. Am ersten Juli 2012 trat die Revision des Strafkodex (Art. 124) in Kraft: die Genitalverstümmelung wird strafrechtlich verfolgt und bestraft, auch wenn diese im Ausland durchgeführt wird und in Ländern in denen diese nicht als illegal gilt. Jeder der einer Genitalverstümmelung (FGM) beiwohnt oder sich in irgendeiner Weise daran beteiligt, wird strafrechtlich verfolgt. Die Härte der Strafe (von 6 Monaten bis zu 10 Jahren Freiheitsentzug oder hohe Strafen) basiert auf dem Ausmaß der Verstümmelung und der persönlichen Umstände der Täter.

Die Folgen der Verstümmelungen

Neben der Verletzung der Rechte einer Frau, ist diese Praxis diskriminierend und verletzt das Recht der Mädchen auf Gesundheit, Chancengleichheit, Schutz vor Gewalt, Missbrauch, Folter oder unmenschlicher Behandlung. Den Frauen, die diese Praktiken erleiden wird die Entscheidungsfähigkeit über die eigene reproduktive Gesundheit entzogen. Die Folgen der Verstümmelungen sind zahlreich und reichen von psychischen bis hin zu körperlichen Auswirkungen. Für jede Frau stellt daher die Verstümmelung ein schweres Trauma dar, das sie ihr gesamtes Leben lang begleiten wird und das unter anderem zu Angst, Depressionen, psychosomatischen und Verhaltensstörungen führen kann. Die unmittelbaren körperlichen Folgen reichen von Blutungen und Infektionen aufgrund fehlender Hygiene über Verletzungen der nebenliegenden Gewebe, wie Harnröhre und Vagina, bis hin zu Tetanus oder einer möglichen leichteren Übertragung von HIV. Die langfristigen Folgen hingegen sind der ständige Blutverlust, häufig auftretende Infektionen im Urintrakt, Inkontinenz, Bildung von Steinen, Fisteln, sexuelle Fehlfunktionen, Schmerzen während des Verkehrs, Probleme während der Menstruation und vor allem bei der Geburt. Die Genitalverstümmelungen sind eine wesentliche Ursache für die Müttersterblichkeit aufgrund des Verschlusses oder einer auftretenden Blutung während der Geburt.

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Die Aktivität von ActionAid

ActionAid hat sich auf verschiedene Art und Weise eingesetzt, um dieser Praxis entgegenzuwirken. In Folge einige Beispiele:

  • In Ghana wurden sehr strenge Gesetze gegen die weibliche Genitalverstümmelung verabschiedet, die zu einem starken Rückgang der Praxis beigetragen haben: trotzdem gehen viele Familien über die Grenzen des Landes hinaus, um ihre Töchter der Beschneidung zu unterziehen, da die Gesetze in den angrenzenden Ländern weniger streng sind. ActionAid Ghana arbeitet sowohl mit den lokalen NGOs als auch mit den Organisationen der Nachbarländer zusammen um neue Fälle zu überwachen und ausfindig zu machen.
  • Der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung findet auch über die Sensibilisierung der Männer in den Ländern in denen dies noch praktiziert wird, statt: auch wenn es eine weit verbreitete Praxis ist, ist sich die lokale Bevölkerung, vor allem die Männer, nicht der Folgen und Auswirkungen bewusst. Es obliegt daher auch den Männer, ihren Teil dazu beizutragen, um diese Praxis für immer auszurotten, in erster Linie eben über Informationskampagnen.
  • In Äthiopien und in Kenia konzentriert sich die Arbeit von ActionAid auf die Schaffung von organisierten Frauengruppen, aber es werden auch Aktivitäten mit den Religions- bzw. Stammesoberhäuptern vorangetrieben, die eine wichtige Rolle in der Verhaltens- und Meinungsbildung der Gemeinschaft einnehmen. Es werden Aktivitäten organisiert, die darauf abzielen, diese Praktiken auszurotten, wie etwa Seminare zur Sensibilisierung und Informationskampagnen in Schulen, Unterstützungsgruppen die sich aus aktiven Frauen und Mädchen zusammensetzen (die “Women Watch Groups”), gemeinsame Diskussionsrunden und Veranstaltungskampagnen. Heutzutage sind es die Frauen und Mädchen, die sobald sie über ihre eigenen Rechte aufgeklärt wurden, beginnen aufzustehen und sich selbst gegen diese Tradition auflehnen, indem sie die einzelnen Fälle an die Watch Groups berichten und die Verwaltungsorgane involvieren, sodass die Verantwortlichen dieser Gesetzesverletzungen verfolgt und bestraft werden können.

Die Erfahrungsberichte von Chepon und Sadia Abdi

Sadia Abdi, Leiterin von ActionAid Somaliland erzählt, dass Somalien und Somaliland als zwei der gefährlichsten Länder für Frauen anzusehen sind, nachdem sie sich lange informiert hat und gemeinsam mit der Koalition Alla Aamina beschlossen hat, diese Praxis der Genitalverstümmelung in ihrem Land zu bekämpfen, mit dem ehrgeizigen Ziel eine Nulltoleranz innerhalb der Gesellschaft zu erreichen. Link in italienischer Sprache.

Dieses zweite Video zeigt die Erfahrung von Chepon, einem jungen Mädchen mit 16 Jahren, die in ihrer Gemeinschaft von Pokot in Kenia, Opfer der Genitalverstümmelung geworden ist. In Pokot wo 90% der älteren Frauen infibuliert sind, schafft ActionAid die Möglichkeit für Mädchen, die sich weiter bilden möchten, Erste-Hilfe Zentren und Unterrichtseinheiten über die weibliche Genitalverstümmelung zu besuchen. Die Lösung, um gegen Genitalverstümmelung anzukämpfen, ist in erster Linie die Bildung, weil nur eine gebildete Frau, die sich ihrer Rechte bewusst ist, in der Lage ist, sich gegen die Ungerechtigkeit zu wehren und diese Praxis der verletzenden und für die Frauen gefährlichen Tradition zu unterbrechen.

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