Sambia: Wenn Frauen Fisch mit ihrer Würde bezahlen müssen
Sex-for-fish wird zunehmend zu einem Problem

In einigen Fischereigemeinden Sambias sind Tausende Frauen nach wie vor in einer Form der Ausbeutung gefangen, die ebenso grausam wie unsichtbar ist. Um Fisch zum Weiterverkauf kaufen und ihre Familien ernähren zu können, werden viele Frauen von den Männern, die den Fischmarkt kontrollieren, zu sexuellen Gefälligkeiten erpresst.
Diese Praktik ist als „Sex-for-fish“ bekannt: Fisch wird zu günstigeren Preisen verkauft oder ausschließlich den Frauen vorbehalten, die sich auf sexuelle Handlungen einlassen.
„Sie verlangen kein Geld. Sie verlangen Sex als Gegenleistung für Fisch zu einem günstigeren Preis.“ So schildert es Martha*, Fischhändlerin in einer der betroffenen Gemeinden.
Die Verbreitung dieser Form der Gewalt ist eng mit dem Zusammenspiel von Armut, Klimakrise und geschlechtsspezifischen Ungleichheiten verbunden. Der Rückgang der Fischbestände macht es immer schwieriger, vom Fischfang zu leben, verschärft den Wettbewerb und stärkt die Macht derjenigen, die den Fischmarkt kontrollieren. Gleichzeitig haben viele Frauen weder die Möglichkeit, selbst zu fischen, noch die gleichen Chancen wie Männer. Für viele Mütter scheint es der einzige Ausweg zu sein, diese Erpressung hinzunehmen, um ihren Kindern eine Mahlzeit sichern zu können. Hierbei handelt es sich nicht um eine freie Entscheidung, sondern um die Folge eines Systems, das Frauen ihrer Freiheit und der Möglichkeit beraubt, sich eine würdevolle Zukunft aufzubauen.
In den vergangenen Jahren hat ActionAid den Frauen in den Fischereigemeinden mit Unterstützung, Schulungen und konkreten Hilfsangeboten zur Seite gestanden, damit sie Missbrauch erkennen, Gewalt anzeigen und ihre Rechte verteidigen können. Ein Teil dieser Arbeit wurde durch ein von USAID finanziertes Programm unterstützt. Nach der Aussetzung der US-amerikanischen Finanzierung mussten viele dieser Maßnahmen abrupt eingestellt werden. Dadurch verloren Tausende Frauen gerade in dem Moment eine wichtige Anlaufstelle, wo sie sie am dringendsten gebraucht hätten.
Vom Opfer zur Aktivistin
Nach Angaben der sambischen Polizei wurden allein im ersten Quartal 2024 mehr als 9.300 Fälle geschlechtsspezifischer Gewalt registriert. Eine Zahl, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nur einen Teil des tatsächlichen Ausmaßes darstellt, weil viele Gewalttaten nie angezeigt werden. Hinter jeder Statistik stehen Frauen, die sich selbst und ihre Kinder in einem von Armut, Diskriminierung und fehlenden Chancen geprägten Umfeld zu schützen versuchen.
Dennoch gelingt es einigen Frauen, in diesem Umfeld ihre eigenen Erfahrungen in kollektive Stärke zu verwandeln. Palekelo* war früher selbst von der Praktik „Sex-for-fish“ betroffen. Heute zählt sie jedoch zu einer Women’s Watch Group, einer Frauengruppe, die sich für die Prävention von Missbrauch einsetzt und Frauen unterstützt, die den Mut finden, Gewalt anzuzeigen.
„Die Frauen wissen heute, was sie nicht hinnehmen müssen. Sie wissen, dass „Sex-for-fish“ Unrecht ist, und dass sie Anzeige erstatten können.“
Jede Frau, die sich ihrer Rechte bewusst wird, kann zu einer wichtigen Stütze für die gesamte Gemeinschaft werden.
„Keine Mutter sollte gezwungen sein, ihre eigene Sicherheit aufs Spiel zu setzen, um ihre Kinder zu ernähren“, betont Faides Tembatemba, Direktorin von ActionAid Sambia.
Deshalb arbeitet ActionAid weiterhin gemeinsam mit den lokalen Gemeinschaften daran, dass Frauen frei von Gewalt leben, ihre Rechte kennen und für sich und ihre Familien eine sicherere Zukunft aufbauen können. Denn keine Frau sollte gezwungen sein, zwischen Hunger und der eigenen Würde zu wählen.
*Die Namen wurden zum Schutz der Identität der Betroffenen geändert
